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Whiskyabend in der Kirchengemeinde

Vor eineinhalb Jahren fragte eine Kirchälteste während der Kirchenvorstandssitzung an, ob es möglich wäre, eine Whiskyprobe im Rahmen der Gemeinde zu veranstalten, um neue Zielgruppen anzusprechen. Vorlaut sagte ich sofort, dass ich dabei sei, und meinte eigentlich als Teilnehmer. Pustekuchen! Ich wurde direkt ins Vorbereitungsteam hineingezogen.*

Die zweite Whiskyprobe ist seit ein paar Tagen vorbei und nun fragt mich schon der Dritte nach Erfahrungen und Konzept und so schreibe ich lieber gleich mal hier, statt immer nur ein bisschen zu erzählen.

Konzept

Beim ersten Mal sind wir von dem Wunsch acht Whisky zu verkosten über einen starken Einschlag des Buches „Genussvoll Glauben“ ** der Westfälischen Kirche bis hin zu diversen eigenen Ideen zu folgendem Konzept gekommen, dass wir danach für gut befanden und auch beim zweiten Mal mit wenigen Änderungen umgesetzt haben.

Acht Whiskys sollten es sein (beim zweiten Mal haben wir dann auf sechs reduziert), die wir im Team alle gemeinsam ausgewählt haben. Wir haben darauf geachtet, einen großen Rundumschlag durch die Regionen Schottlands zu machen und hatten ebenfalls einen blended Whisky und einen irischen Whisky mit dabei. Beim zweiten Mal war auch ein deutscher Whisky mit dabei und wir konnten zwei Whiskys aus der selben Brennerei miteinander vergleichen.

Das Drumherum sollte ein gelungener Abend sein und so haben wir angelehnt an „Genussvoll Glauben“ Essen und Atmosphäre geplant. Dazu gehörten zwingend Tischdeko, passende (bei uns irische) Musik und ein entsprechendes Licht. Zwei bis drei Mitarbeitende kümmerten sich ums Essen (Whisky-Cheddar-Suppe, Nuss-Dattel-Rolle, Sandwiches und Apple Crumble, dazu dunkle Schokolade, Brotsticks, Baguette und Käse auf den Tischen)***, einer bediente die Bluetooth-Box und den Beamer und ein nichttrinkendes Familienmitglied wurde dazu verdonnert, die Whiskys auszuschenken. Dazu hatten wir uns einen 1,5cl-Jigger (mit Griff), mit dem man mit etwas Übung gut einschenken kann. Da wir nicht auf dem Gebiet der Westfälischen Kirche liegen und somit keine Gläser ausleihen konnten, haben wir den Kirchenvorstand überzeugt, welche anschaffen zu können. Entsprechend der Gemeinderaumgröße und eventuellen nicht-Whisky-trinkenden Begleitpersonen haben wir 35 Gläser (nach dieser Bauart weil weniger kippanfällig) angeschafft und mit maximal 30+10 Gästen gerechnet. Die Karten haben wir für 20€ verkauft (die Nicht-Whisky-Trinkenden haben 10€ bezahlt und bekamen statt Whisky Guinness, Fassbrause oder Säfte serviert). Damit haben wir genug eingenommen, um vernünftige Whiskys zu kaufen (sogar einen echt teuren) und haben gleichzeitig eine gewisse Wertigkeit dieser Veranstaltung klar gemacht (in Lippe gilt wie auch anderswo oft „Was nichts kostet ist nichts wert“).

In Ermangelung von viel Vorlaufzeit haben wir leider im Gemeindebrief nur einen dreizeiligen Ankündigungstext unterbringen können, woraufhin wir schnell noch die Domain whiskychurch.de registriert und die wichtigsten Infos dort hinterlassen haben. Allerdings hatte sich die Kunde des Abends derart schnell per Mundpropaganda verbreitet, dass wir schon zum Erscheinen des Gemeindebriefs völlig überbucht waren. Beim zweiten Mal haben wir dann einen Starttermin für telefonische Anmeldungen veröffentlicht, um möglichst gleiche Chancen für Interessierte zu schaffen und auch dieses Mal waren die Karten wieder schnell weg.

Am Eingang wurde die liebevoll gestalteten Karten entwertet und (!) das entsprechende Whiskyglas bei einem kurzen Plausch ausgehändigt. Die Kartenkontrolle war uns nicht wichtig, aber das persönliche Willkommen für die Gäste.

Der Abend war durchzogen von geistlichen Impulsen (von mir frei vorgetragen) und Informationen zu den Whiskys. Beides war jeweils mit dem zu verkostenden Whisky verknüpft. Manchmal gab es dazu eine kleine Präsentation, manchmal waren es „nur“ Worte. Für jeden Whisky hatten wir uns zusätzlich noch ein paar Fakten von einem der großen Whisky-Shops per Screenshot auf die Leinwand geholt. Da es für mich zum Whisky-Genuss dazu gehört zu versuchen, möglichst viele Gerüche und Geschmacksnuancen aus einem Whisky zu ziehen, gab es auf jedem Tisch Zettel und Stifte, um sich entsprechende Notizen zu machen. Es zeigte sich, dass in diesem Punkt kaum die Hälfte wie ich ist und so beschränkten wir uns beim zweiten Mal auf ein paar wenige Menükarten, die lediglich Platz für Notizen hatten, statt einen umfangreichen Auswertungsbogen bereit zu stellen.

Erfahrungen

Wow, diese Veranstaltungen waren einfach gigantisch gut. Sowohl allgemein, als auch im Feedback, in den Nebensätzen, den unterschwelligen Aussagen und dem Eindruck, den die Whiskyprobe hinterlassen hat. „Hier war ich schon seit 40 Jahren nicht mehr, es hat sich heute Abend aber gelohnt“, „Wir haben lange nicht mehr die Kirche so lebendig erlebt. Gerne mehr davon“ und „Es hat einfach alles gepasst, Whisky und Kirchen passen wider Erwarten sehr gut zusammen“ waren Rückmeldungen, die ich im Ohr oder schriftlich habe. Wer mehr aus der Außenperspektive lesen möchte, kann das im Gemeindebriefartikel (pdf, Seite 12) tun.

Bei beiden Malen waren überwiegend Männer da, von denen mindestens ein Drittel sonst nie bei Kirche auftaucht und die vom Alter recht gemischt waren. Es lohnt sich natürlich auch, einen Posaunenchor zu haben, der Freunde und Verwandte (auch die nicht-kirchlichen) per Mundpropaganda erreichen kann. Die Rückmeldungen auf die Ankündigung unseres ersten Whisky-Abends waren zwischen begeistert, erstaunt, verwirrt und skeptisch. Besonders wenn man eine starke Blaukreuz-Tradition in der Gemeinde hat, sollte man mindestens vorher gemeinsam sprechen. Wir sind bei den meisten Skeptikern gut damit gefahren zu sagen, dass wir erklärt haben, eben eine bestimmte Zielgruppe erreichen zu wollen, die von Kirche sonst kaum erreicht werden kann und dass es grundsätzlich um Genuss geht, nicht um das Betrinken oder den Alkohol. Übrigens ist das genau die Erfahrung des ersten Mals: Durch das reichhaltige Essen und die nur 1,5 cl pro Whisky ist niemand betrunken aus dem Gemeindehaus herausgekommen, wohl aber je nach Toleranzleven angeheitert. Beim zweiten Mal hatten wir am Schluss eingeladen, noch ein Glas vom Lieblingswhisky zu trinken, was einige – erstaunlicherweise eher die älteren Männer – dazu verleitet hat, doch einen übern Durst zu trinken – es blieb bei einigen nicht nur bei einem zusätzlichen Glas… Das würde ich beim nächsten Mal nicht mehr genau so ansagen.

Es hat sich gelohnt, die Zeit in Licht, Raumgestaltung, Deko und Präsentation zu stecken. Sofort stellte sich bei den Gästen ein Gefühl von Willkommensein ein. Ebenso lohnt sich für diejenigen, die die Impulse machen, sich mit den gewählten Inhalten, aber auch mit den Whiskys auseinanderzusetzen – auch bei geistlichen Impulsen, „weil man ja den einen Teil der „kleinen Predigt“ als Geschmack miterlebt“ (aus dem Gemeindebriefartikel).

Am Ende kann ich nicht „jederzeit wieder“ schreiben, sonst würde ich jedes Jahr wieder in der Kirchengemeinde Horn dabei sein müssen 😉 aber ziemlich genau das trifft es. Es lohnt sich, über den Gartenzaun zu gucken, neue Zielgruppen zu entdecken und anderen Leuten zu „predigen“. Und dass das nicht unbedingt mit Alkohol sein muss, zeigt z.B. der neueste Band der Serie Genussvoll Glauben. Er heißt: genussvoll glauben – biblisches Kaffee-Cupping.

 

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Unser Programmplan beim ersten Mal inkl. Whiskys

*Die Grundidee lag im Tenor des Posaunenchores, von dem sich zwei Mitglieder ständig über ein drittes Mitglied hinweg über Whisky unterhielten, bis letzteres – übrigens Mitglied des Kirchenvorstandes – dieses Hobby der beiden anderen mit ihrem Bauchgrummeln über die Milieuverengung in der Gemeinde verband.

**Das Buch ist großartig. Wenn man nicht so viel Zeit zum Vorbereiten hat, kann man es einfach komplett als Grundlage nehmen. Rezepte, Texte und sogar PowerPoint-Folien sind schon dabei. Für die Gäste gibt es auch Begleitheftchen, die man dazu bestellen kann.

***Die Rezepte für die genannten Speisen finden sich alle im Buch „Genussvoll Glauben – biblisches Whiskytasting„. Beim zweiten Abend gab es Irish Stew, die Nuss-Dattel-Rolle und als Nachtisch Cranachan. Auf Sandwiches, Brotsticks und Schokolade haben wir verzichtet, weil es das erste Mal einfach zu viel Essen gab. Allerdings gab es beim zweiten Mal noch zusätzlich einen eher kleineren Bissen Brot (das gleiche, frische, selbstgebackene Brot, was in der Gemeinde auch als Abendmahlsbrot verwendet wird), weil ich einen Impuls zu den Mahlgemeinschaften mit Jesus gemacht habe und dann diese Brote habe brechen lassen.

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