erlöst – vergnügt – befreit             mal kritisch – mal blauäugig – mal vergeekt

Vor ein paar Tagen stieß ich durch Zufall bei YouTube auf ein Video von DagiBee. (Für alle, die sich jetzt denken „WER??!?“: Dagibee ist ein Youtubestar mit mehr als 2 Mio Abonnenten ihres YT-Kanals und mehr als 1 Mio Follower auf Twitter.) In diesem Video rief sie ihre Fans an und sprach mit ihnen. Die Dynamik, die sich dabei entwickelte, ließ mich nicht mehr los.

Ein Telefonanruf (ab Minute 4) wird so persönlich, dass er nicht komplett ins Video reingeschnitten wurde. Das davor und danach und auch einige Sequenzen aus den anderen Telefonaten erinnerte mich verdächtig an Seelsorgegespräche. Die YouTuberin war an einigen Stellen sichtlich überfordert, was man ihr kaum vorwerfen kann. Trotzdem kam mir die Frage: Was wäre wenn DagiBee tatsächlich eine Telefonseelsorgerausbildung genossen hätte? Ein Vertrauensverhältnis ist augenscheinlich sofort da und gleichzeitig geben die Fans ihr eine Autorität in Lebensfragen.

DagiBee erreicht fraglos eine Menge Menschen und das mit scheinbar trivialen Dingen. Sie macht Teile ihres Lebens ihren Fans zugänglich, hält sich in bestimmten Punkten aber auch gerne zurück.

Ich stelle mir die Frage, was und ob ich als Seelsorger daraus lernen kann.

Da ich im Moment an meinem Examen arbeite kann ich hier wenig mehr als Gedankenanstöße und Fragen schreiben, vielleicht habt ihr ja Antworten oder schon fertige Gedanken.

  • Sind wir als Seelsorger für die Generation, die jetzt Jugendliche sind, stärker als Persönlichkeiten gefordert? Oder ist das ein Jugendphänomen, das sich auswächst? Oder ist das jetzt schon durchgängig so, dass die Persönlichkeit bei der Wahl eines Seelsorgers eine wichtige Rolle spielt? (Liebe Menschen mit Erfahrung, helft mir bitte mit dem letzten Punkt.)
  • Jugendliche sind offenbar für Seelsorge (vielleicht nur wenn man es nicht so nennt?) ansprechbar, warum sind wir Seelsorger in der Regel nur bei älteren oder viel älteren Menschen?
  • Gibt es einen Kirchenmenschen (mir fällt gerade kein besseres Wort ein, vielleicht: Christ, der das nicht verschweigt) auf YouTube, der Jugendliche ähnlich fesseln kann, wie Dagi? Wenn nein, warum nicht?
  • Können wir als Kirche in den SocialMedia auch gezielt Jugendliche ansprechen? Gibt/Gab es Versuche in dieser Richtung?
  • Ist Religion (und dann auch noch institutionalisierte) überhaupt ein Thema, was YouTuber und ihre Fans anfassen würden? Oder Fan von einem solchen Kanal würden?

Ich bin gespannt auf eure Gedanken. Zum Schluß erlaubt mir noch einen kleinen amüsanten Gedanken, der mir examensmüdem und -verwirrtem Menschen durch den Kopf geht: Wie cool wäre es, wenn DagiBee zum Barcamp Kirche Online kommen würde und uns etwas zu YouTube erzählt und wir ihr etwas zu Seelsorge?!
_ _ _ _
PS: Das Barcamp Kirche Online lohnt sich im übrigen auch ohne DagiBee 😉 : 18-20.9.15 in Essen, die Teilnahme ist kostenlos. Onlineanmelung.

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Kommentare zu: "Fragen, Seelsorge und Jugendliche" (4)

  1. Ich bin ja auch grad im Vikariat und wir sollen in unserer Gemeinde ein Projekt machen, wobei der Inhalt relativ frei ist. Ich dachte schon daran, irgendwas mit Computern und Internet, aber bin da noch nicht weit gediehen.
    Jetzt überlege ich, ob man ne Jugendgruppe (oder wieso nicht auch ältere Leute) gründen könnte, die Videos machen, so von wegen die Gemeindegruppe „Youtube-Star“. Es müssen ja keine 2 Millionen Zuschauer sein, aber über so nen Weg könnte man sicher auch kirchliche Inhalte mit aufnehmen. Und wieso nicht auch Seelsorge, man kann ja einige Gruppenteilnehmer haben, die sich für ne Seelsorgeausbildung interessieren oder eine schon gemacht haben…
    DagiBee beim Barcamp wär sicher interessant, schickst Du ne Einladung?

    • Hey, die Idee finde ich total klasse, medle dich auf jeden Fall, wenn das was werden sollte, nicht dass ich das versehentlich verpasse!
      DagiBee ist jetzt eingeladen, zumindest per TwitterMention. Ob sie das in dem Wust allerdings wahrnimmt, bleibt abzuwarten.

  2. Es gibt statistische Untersuchungen dazu, was verschiedenen Altersgruppen an Seelsorgern wichtig ist, und dass Jugendliche zumindest *früher* „Persönlichkeit“ nennen, ist da oft ziemlich eindeutig.
    Gleichzeitig gibt es offenbar eine wesentlich höhere Hemmschwelle für Jugendliche, mit einem *Seelsorger* Kontakt aufzunehmen – weil er eben zunächst als Seelsorger und erst dann als Person begegnet. Daher hätte ein Kirchenmensch auf Youtube auch niemals die gleichen Chancen wie DagiBee. DagiBee ist fast nur *Person*, und als Person wird sie auf Youtube konsumiert.
    Dass sich Jugendliche sich mit Problemen zunächst an nicht-Seelsorger-*Personen* wenden (wieder: statistische Untersuchungen: Ansprechpartner Nr. 1 bei jeglichem Problem ist für Jugendliche zunächst mal natürlich der Freundeskreis), und nicht z.B. die (mittlerweile sogar schon relativ vielen) Internetseelsorgeangebote, ist also eigentlich nicht überraschend. Und es gibt mittlerweile auch eine ganze Reihe Empfehlungen, was man dagegen machen kann. Mein Lieblingsvorschlag: Oft in Nicht-Seelsorgs-Kontexten sichtbar sein. Für Kollegen vom Jugendblasorchester oder vom Fußballverein bist du zunächst Teamkollege und danach Seelsorger, und wenn du dann eine ansprechende Persönlichkeit hast und du eben *auch noch* Seelsorger bist, ist deine „Zugänglichkeit“ am größten.

    Für ältere Personen ist übrigens eine Entsprechung zu DagiBee der Pfarrer auf Bibel-TV, der Seelsorgsanrufe entgegennimmt und dann vor laufender Kamera beatwortet: Durch das Medium Fernsehen wird auch er zunächst zur vertrauten Person, an den man sich dann mit weniger Scheu wenden kann – *obwohl* das Gespräch sogar ausgestrahlt wird.

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