erlöst – vergnügt – befreit             mal kritisch – mal blauäugig – mal vergeekt

In der Serie zu Internettheologie versuche ich hier mal einen vorsichtigen Start zur Grundlage, auch wenn ich dafür (auch auf Hinweis eines Kommilitonen hin) gerne mehr Ahnung in den Kommunikationswissenschaften gehabt hätte. Wenn mich das Thema weiter so fesselt, werde ich das nachholen.

Jede Generation kommuniziert mit ihren eigenen Mitteln. Die Mittel ändern sich im Laufe der Zeit, einige verschwinden andere kommen hinzu. So ersetzte die Buchstabenschrift nach und nach die Bilderschriften, als Paulus seine Briefe schrieb, gehörten Ostraka schon zum alten Eisen und Codices verdrängten langsam die Schriftrollen.

Heute stehen wir wieder vor einem Umbruch der Kommunikationsmittel, allerdings ist es etwas komplizierter. Nicht nur, dass durch die Erfindung des Telefons eine neue Form der Übermittlung geschaffen wurde (nicht-schriftliche Fernkommunikation), die Erfindung und massenweise Verbreitung des Computers schafft völlig neue Kommunikationskanäle. Wichtig in diesem Zusammenhang ist wohl der Mix aus fernmündlichen Kanälen (wie etwa Skype, VoIP oder Hangout) und textbasierten Kurznachrichten, die quasi echtzeitdialogisch genutzt werden können. Letztere wurden wohl zuerst durch die E-Mail und SMS Ende der 1980er Jahre implementiert (heute z.B. IRC, ICQ, Twitter).1

Nicht zum ersten Mal benutzen wir eine Trägerschicht, die die Zeichen nicht von vorn herein dauerhaft speichert, wie Palimsestfunde2 bezeugen. Heute sieht die Sache allerdings etwas anders aus, denn die Speicherung macht beim heutigen Stand der Technik weniger Sorgen als das Wiederfinden.

Nun taucht heute aber immer öfter der Begriff der Virtualität auf, und der Wert der Kommunikation Mittels Computer wird herabgestuft. Ist der Unterschied zu den vergangenen Umbrüchen in der Kommunikationstechnik wirklich so groß? Ist es vielleicht nur ein weiteres Auftreten des Phänomens „Wer braucht denn das Telefon, es gibt doch Briefe“? Ich gebe zu, dass es eine weitere Beschleunigung der Kommunikation und vielleicht auch unseres Lebens ist, mit immer mehr menschen immer direkter (und nicht physisch in der Nähe) zu kommunizieren, aber ist die Kommunikation deswegen minderwertiger? Wenn wir uns das Anfangsbeispiel von Paulus ansehen, waren doch damals seine Briefe nur ein Mittel, um nicht wieder in die Gemeinden reisen zu müssen und ihnen trotzdem etwas mitzuteilen. Ich glaube fest daran, dass Paulus jedes ihm verfügbare Mittel genutzt hätte, um das Evangelium (einige würden sagen „seine Theologie“) zu verkünden. Seine Briefe sind nicht weniger virtuell als dieser Blogeintrag, denn seine Worte konnten ebensowenig physisch gehört werden.3

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1 Evtl. wäre hier noch das Telex zu nennen, auch wenn es meines Wissens eher für andere Zweck eingesetzt wurde.

2 Eine Parallele zum Palimsest gibt es auch heute noch: Gelöschte Dateien, die mittels verschiedener Techniken der Festplatte wiederhergestellt werden können.

3 Text-to-Speech wäre ein interessanter Ansatz wenigstens ein Stück weit Richtung Physis zu gehen, allerdings hat der Empfänger damit trotzdem keine physische Nähe zum Sender.

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Kommentare zu: "Das Internet ist (nicht) anders" (4)

  1. Was du schreibst, Wolfgang ist soweit alles richtig. Allerdings frage ich mich, welchen Einfluss hat das nun auf die Theologie, denn darum soll es ja laut Einleitung gehen, m.E. wird die Frage im Text aber eher stiefmütterlich behandelt. Verändert haben sich Kommunikationswege und -strukturen und das ständig. Was sich nicht verändert hat (oder nur marginal und dann meist unbeabsichtigt) ist der Text der biblischen Überlieferung, auf den du dich immer wieder beziehst. Das Medium, ja, das hat sich verändert, von Schriftrollen (wenn auch nur ein Teil der Texte) zu Codices über diverse Abschriften auf unterschiedlichen Materialien und Einzelbücher zu mehr oder weniger kanonisierten Sammlungen in einer „Gesamtbibel“, hin zu gedruckten Bibeln in Massenauflage und heute dann durchsuchbaren Digitalausgaben, die als wissenschaftliche Rechercheprogramme aber auch als mobile Apps auf dem Handy zu haben sind. Was sich geändert hat ist also nicht der Text, sondern die Art und Weise, mit der wir auf den Text zugreifen können, wie wir den Text wahrnehmen, ob als Einzelerzählung auf einem Papyrus-Bogen oder als Gesamtkunstwerk Bibel, ob als Sammlung von Textstellen zu einem Stichwort in einer Konkordanz oder als kompliziertes Netzwerk von verknüpften Zitaten und Querbezügen, ob als täglich zufällig vorgesetzte Einzelverse oder als zusammenhängendes Geschichtswerk.
    Mit dem Internet hat das alles aber relativ wenig zu tun. Sicher, die digitalen Medien machen es einfacher Querverbindungen zu ziehen und Konkordanzen herzustellen, aber trotzdem gab es Zitatangaben, Konkordanzen und Kommentare auch schon in Papierform, vielleicht nicht so präzise und lückenlos, wie es ein Computer kann, aber immerhin. Was sich durch das Internet ändert ist meiner Meinung nach die Diskussion über die Texte. Jede(r) kann sich mit unterschiedlicher Vorbildung an der Auslegung und Kommentierung biblischer Inhalte beteiligen und wird in einem bestimmten Rahmen vielleicht auch wahrgenommen, die Diskussion über Theologie bleibt also nicht mehr geschlossenen Gemeindegruppen, Universitätsveranstaltungen und Pfarrkonventen vorbehalten und der/die einzelne Christ/in kann ohne größere Schwierigkeiten und Hemmschwellen auch alternative Deutungen zur sonntäglichen Predigt bekommen. Damit setzt sich ein Prozess fort, der mit der Kanonisierung der biblischen Texte begann, mit der Vervielfältigung durch Klöster über die Jahrhunderte und schließlich mit Übersetzungen, dem Buchdruck und der Alphabetisierung der Massen dazu führte, dass immer größere Schichten Zugang zur Bibel haben – und durch Katechismen, auch für Laien verständliche theologische Literatur und schließlich das Internet auch zu Formen der Auslegung derselben.

    • Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Mein Text ist ein erster Versuch mich dem Medium Internet im Bezug auf Theologie zu nähern. Es soll in keiner Weise ein Überblick über oder eine Zusammenfassung von Internettheologie sein. Interessanterweise hatte ich genau auf so einen Eintrag wie deinen gehofft, denn so ein Thema kann glaub ich nur einer Diskussion erwachsen.
      In der Tat gebe ich dir völlig Recht, dass die erweiterte Möglichkeiten der Diskussion um biblische Inhalte eine wichtige Rolle in einer Internettheologie spielt.
      Soweit erstmal, bevor mein Akku leer ist…

  2. Siehste mal, ich wusste doch, was du willst 😉

  3. […] Das Internet ist (nicht) anders In der Serie zu Internettheologie versuche ich hier mal einen vorsichtigen Start zur Grundlage, auch wenn ich dafür (auch auf Hinweis eines Kommilitonen hin) gerne mehr Ahnung in den Kommunikation… Source: erloest.wordpress.com […]

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